Zum Sonntag Judika

Aus dem Hebräerbrief: 12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Jesus hat gelitten hat, draußen vor den Toren Jerusalems. Dort, wo es einsam ist. Wohin ihn nur wenige seiner Jüngerinnen und Jünger begleitet haben. Sie hielten Abstand zu ihm, blieben in sicherer Entfernung. So wie wir heute Abstand voneinander halten müssen.

Ein einsamer Tod, den Jesus gestorben ist. Verlassen von allen. Auch von Gott. An den er sich in seinen letzten Minuten noch gewandt hat. „Warum hast du mich verlassen?“ fragt Jesus. Eine Antwort erhält er nicht. Gott antwortet einfach nicht.

Jesus muss die Angst und Verlassenheit aushalten. Er hat auch keine andere Wahl. Vielleicht hätte er früher einen anderen Weg gehen können, um sich das zu ersparen. Aber das wollte er nicht. Und nun hängt er da. Einsam und verlassen vor den Toren der Stadt. Und stirbt.

Auch heute noch sterben Menschen vor den Toren. Vor unseren Toren, vor Europas Toren. Eingepfercht in Lagern, wie  etwa auf Lesbos. Während wir uns versuchen, vor dem Corona-Virus zu schützen, gibt es für die Menschen dort keinen Schutz. Stattdessen Not, Armut und Hunger.  Gewalt und Angst.

Ausgezogen sind sie, um eine zukünftige Stadt zu suchen. Ihnen war klar, dass sie zuhause keine bleibende Stadt mehr haben werden.

Und nun sind sie dort vor den Toren Europas – einsam und verlassen. Von der Welt zwar wahrgenommen, aber die Welt hat sich daran gewöhnt. Die Welt hat Angst, zu handeln. Aber das darf nicht sein: Es darf uns nicht egal werden, was mit all den ungezählten Männern, Frauen und Kindern passiert, die vor Leid und Elend fliehen. Europa stand immer für Frieden, Sicherheit und Wohlstand. Und für Menschlichkeit. Corona darf nicht als Entschuldigung dafür dienen, dass dies nun alles nicht mehr wahr ist.

Um diese Welt wirklich zu einer besseren zu machen, müssen alle Menschen mit ins Boot. Auch die, die jetzt noch vor den Toren sitzen.

Jesus sagte mal: „Was ihr diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“ Und genau darum geht’s. Dass keine Abstufungen gemacht werden. Welcher Mensch mehr wert ist als ein anderer. Wem geholfen werden soll und wem nicht.

Jesus hat keine Unterschiede gemacht. Weil er wusste, in Verlassenheit, Angst und Not sind alle Menschen gleich. Und alles, was wir an Verlassenheit kennen, das kennt er auch. Hat er ja selbst erlebt. Er teilt mit uns die Erfahrung, durch manches durchzumüssen. So beschissen es auch sein mag. Darin ist er wie wir geworden. Ein wirklicher Mensch. Und darin liegt für mich der Schlüssel unseres Glaubens: Jesus und Gott sind eins. Und dieser Gott ist genauso geworden wie wir. Ein Gott, der sich klein gemacht hat. Keiner, der von oben durchregiert. Sondern einer, der keine Angst hat, zerbrechlich und schutzlos zu sein.

So wie wir eben auch. Und das merken wir an uns selber – in diesen Tagen, wo wir Angst vorm Virus haben, wenn wir uns um unsere Liebsten sorgen, das merken wir, wenn wir unseren Blick in Richtung der Lager auf Lesbos und an anderen Orten richten.

Gottes Segen sei mir euch.

Eine Antwort auf „Zum Sonntag Judika“

  1. Lb Inga, ALTERSGEMÄss bin ich nur selten im Netz und auch kein Freund von you tube. Schaue z. Zt. gerne sonntags die FS – Gottesdienste. Aber als ich Deine Seite jetzt mal aufschlug, war ich recht erstaunt: Deine Präsens, Empathie und Vielfalt ist genau das Richtige in dieser Zeit. Eine beachtliche Leistung! Uneingeschränktes Lob! Weiter viel Erfolg, Follower und Durchhaltevermögen. Wir denken und beten für Dich, Friedrich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.