Liebe Kirche, wir müssen reden.

Seit vierzehn Jahren bin ich ein nun Teil von dir. Ich glaube, als ich zu dir stieß, wusste ich nicht genau, worauf ich mich einlasse. Bereut habe ich es aber nie und mittlerweile komm ich ganz gut klar. Hab ja auch viel dazu gelernt.

Etwa, dass man bei Ortsangaben zu sagt, wenn man eigentlich in meint. Oder, dass bei dir Feedback ganz wichtig ist – nur wehtun darf es nicht. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich in deinen Gottesdiensten zu Recht gefunden habe. Wann man aufsteht, wann man auswendig singt und wann man das Gesangbuch aufschlägt. Ich entwickelte eine Klangschalen-Phobie und lernte eine neue Sprache kennen. Denn viele Leute bei dir reden irgendwie anders. Zumindest die, die auf der Kanzel stehen oder irgendwie was zu sagen haben. Ich hörte häufig Worte wie ‚wertschätzend‘, ‚Resonanzraum‘, ‚berührende Begegnung‘ oder ‚auf Augenhöhe‘. Zwischenzeitlich versuchte ich, mir diese Sprache anzueignen. Vielleicht, um nicht so aufzufallen. Ich, die Spätberufene  ohne Stallgeruch, die im Theologiestudium lieber weiter bei Mc Donalds arbeitete statt den HiWi-Job an der Uni anzunehmen.

Als ich zum Studium kam, stellte ich fest, dass meine Kommiliton*innen entweder aus Pfarrfamilien stammten oder zumindest die kirchliche Kinder- und Jugendarbeit durchlaufen hatten. Ich dagegen kannte nicht mal die Matthäuspassion. Was anderen selbstverständlich war, war mir neu. Und wenn ich ehrlich bin, manches kam mir auch ein bisschen merkwürdig vor. Die hohe Dichte an gestalteten Mitten. Die bunten Klebezettel und Moderationskärtchen in der Erwachsenenarbeit. Die botanischen Bilder auf dem Gemeindebrief. Kaffee und Kuchen bei jeder Gelegenheit. Die explizite Erwähnung auf Plakaten, dass es sich hierbei um eine Einladung handle.  Die Ramsch-Ecke hinterm Altar. Die Klöppelteppiche an den Wänden im Gemeindehaus.

Liebe Kirche, manches an dir ist sehr eigen. Und ich kann Menschen gut verstehen, denen du etwas merkwürdig  vorkommst. Die dich ein bisschen piefig finden, etwas altbacken und langweilig. Und manchmal bin ich selber erstaunt, dass ich geblieben bin. Dass ich mich irgendwie in dich verliebt habe. Trotz der Klangschalen, der Klöppelteppiche und der sonderbaren Sprache. Übrigens, das mit der Sprache – ich hab das schnell wieder gelassen, das war mir dann doch etwas zu heftig.

Aber du hast einen großen Schatz – und das sind die Menschen in deinen Gemeinden. Die sind oft so herzlich, liebevoll und authentisch miteinander. Das hat mich überzeugt, zu bleiben. Dich zu meinem Zuhause werden zu lassen. Mit gehäkelten Spitzendeckchen auf dem Tisch und etwas zu dünnem Kaffee. Aber mit ganz viel Liebe und dem Wissen, dass Häkeldeckchen ja manchmal auch auf mysteriöse Weise verschwinden und Platz für etwas Neues machen.

(von Inga Roetz-Millon, erschienen in der evangelischen Zeitung)

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