Schubladen

Seit ich denken kann, begleiten mich Schubladen. In manche hab ich mich selber gesteckt, in andere wurde ich hineingesteckt. Das Kind der Heilpraktikerin, das kein Fleisch isst und Gumibärchen ablehnt – ab in die Schublade ‘merkwürdig bis bedenklich’. Das Kind, das Nachmittage mit Lesen verbrachte – ab in die Schublade ‘Nerd’ (wobei, das Wort gab es damals noch gar nicht).
Später suchte ich mir Schubladen selber – etwa die kurze Phase, wo ich nur in schwarz rum lief und Gothic hörte. Mein Dasein als Theologiestudentin hat mich in eine Schublade gebracht (die mir durchaus half, unerwünschte Flirtversuche abzuwehren) – und jetzt, als Pastorin, naja, da finde ich mich in so einigen Schubladen wieder. Bürgerlich, angepasst, langweilig, filztragend und den ganzen Tag am Beten. Als ich sehr früh nach der Geburt meiner Kinder wieder anfing zu arbeiten, steckten mich einige in die Schublade, auf der ‘Rabenmutter’ steht. Oder ‘karrieregeil’ oder so etwas.
Dass ich mit einem mehr als zwanzig Jahre älteren Mann verheiratet bin, bringt mich teilweise in eine Schublade, die sich irgendwo zwischen Vaterkomplex und dem Wendler befindet.
Wenn ich über Feminismus rede, stecken mich manche in die Schublade ‘hysterisches Sensibelchen’ (“man wird doch wohl noch sagen dürfen…!”).

Schubladen helfen uns, Situationen im Leben besser einordnen zu können. Sie basieren auf unserer Erfahrung, auf Klischees, mit den wir groß geworden sind. Sie geben Struktur und Halt. Manchmal liegen wir damit auch gar nicht so falsch. Aber oft hauen wir auch total daneben.

Ich mag Momente, in denen dieses Denken durchbrochen wird. Wenn ich Touristen unsere Kirche zeige und die nach einer Weile des Gesprächs völlig überrascht sind, dass ich nicht die Pfarrfrau bin. Oder jemand feststellt, dass Pastorinnen ja irgendwie auch völlig normal sind. Oder wenn jemand sein Kind zur Kinderkirche anmeldet, von dem ich gedacht hätte, die kommen sowieso nicht und mich gar nicht getraut hab, zu fragen.

Das schöne im Leben ist doch, wenn wir aus unseren Schubladen wieder heraus können. Wenn man uns lässt. Und wir andere lassen.

Wie geht’s euch mit euren Schubladen? Vielleicht tauschen wir uns darüber mal aus!

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