Verklärung?!

 „Werd’ ich zum Augenblicke sagen, Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, Dann will ich gern zu Grunde gehn! Dann mag die Todtenglocke schallen, Dann bist du deines Dienstes frey, Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen, Es sey die Zeit für mich vorbey!“

Wenn Faust das sagt, dann darf Mephistopheles seine Seele haben – nachzulesen in Faust I von Goethe. Für Faust ist das dann eher schlecht. Aber einem Geist wie Faust, der immer nach mehr und höherem strebt, war das vorher natürlich klar. Der will auch gar nicht, dass ihn eine innere Zufriedenheit überkommt, der will nicht verweilen. Der will mehr – auch mit Hilfe von dunklen Mächten.

Ich bin nicht so. Ich denke mir öfter mal: „Ach, das könnte jetzt noch ewig so weitergehen. Mehr brauch ich nicht.“ Etwa, wenn ich eins meiner Kinder betrachte, wenn es friedlich schläft und dabei zufrieden lächelt. Die beiden toll miteinander spielen und ich in der Zeit ein gutes Buch lese und einen leckeren Milchkaffee trinke. Oder wenn ich bei meinem Mann im Arm liege und wir stundenlang erzählen und uns nah sind. Dann denke ich mir: genauso ist es jetzt gut. So kann bleiben, mehr will ich nicht. Und sofort mischt sich Wehmut mit ein. Nein, leider wird es nicht so bleiben. Schon bald wacht das schlafende Kind auf, hat vielleicht schlecht geträumt. Oder mitten im schönsten Spiel der Schwestern kriegen sie sich in die Haare und fangen an zu streiten. Und auch

nächsten Morgen doch wieder aufstehen. Und parallel läuft immer ein Gedanke mit: Es ist alles vergänglich. Nichts ist für die Ewigkeit. Meine Kinder werden groß, gehen eigene Wege. Mein Mann und ich werden älter, er hat da mir gegenüber einen ziemlichen Vorsprung – und irgendwann, dann ist es vorbei.

Besondere Momente festhalten – das will wohl fast jeder. Deswegen fotografieren wir. Führen Tagebuch. Erinnern uns. Aber wirklich gehalten kriegen wir sie nicht, diese Momente.

Petrus sagt zu Jesus:  „Hier ist gut sein. Lass uns Hütten bauen!“ Er will auch einen besonderen Moment festhalten. Will sesshaft werden in diesem Moment. Er hat gerade erlebt, wie Jesus verklärt wurde.

So und hier müssen wir mal kurz innehalten. Die Verklärung Jesu. Gar nicht so einfach zu verstehen, was genau das eigentlich soll. Wenn wir in unserem heutigen Sprachgebrauch von Verklärung reden, dann meinen wir meistens, dass wir eine Sache sehr idealisiert sehen. Wir können unsere Vergangenheit verklären, unsere Kindheit, eine vergangene Beziehung. Manchmal spricht man davon, dass jemand ein verklärtes Lächeln hat. Das kommt der Sache mit Jesus schon näher. Denn Verklärung meint, dass etwas passiert, was nicht von dieser Welt ist. Jesus wurde in ein anderes Licht getaucht, damit alle anderen begreifen, wer da eigentlich mit ihnen unterwegs ist. Wer da mit ihnen redet und mit welcher Autorität er es tut. Und das war so überwältigend, dass Petrus es festhalten wollte. Hütten bauen, sesshaft werden. Nie wieder weggehen.

Aber hat das auch was mit uns heute zu tun? Gibt es das, Momente der Verklärung im Alltag? Ich hab mal nachgefragt – und ja, das gibt es.

„Mit all seinen Sorgen im Gepäck hindurch einen Gipfel steigen und das ungetrübte Licht auftanken. Wieder hinab steigen und neue, klare Gedanken und das Licht im Herzen mitbringen und weitergeben“, sagte jemand. Und eine weitere Person ergänzte:

„In der Stille versuchen, mit Gott eins zu werden und es in mir wirken zu lassen.“

Verklärungen gibt es auch heute noch. Immer dann, wenn wir versuchen, jemand in einem völlig neuen Licht zu sehen. Nicht, weil wir uns jemanden schön reden wollen. Darum geht es nicht. Sondern es heißt vielmehr, zu versuchen, einen Menschen mit Gottes Augen zu betrachten. Mit Augen, die nicht nur sehen, sondern auch sprechen. Das ist besonders in diesen Tagen ganz aktuell, wo wir durch die Masken ja meist nur die Augen sehen können. Da muss man dann schon genauer hinsehen, um jemanden zu erkennen.

Bei Jesus war die Verklärung mit einer Zusage verbunden: Siehe, das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Hört auf ihn.

Und ich glaube, das sollten wir tun. Auf ihn hören. Auf die Stimme Gottes.  Und Vertrauen haben.

Amen.

(von Inga Roetz-Millon mit Unterstützung vieler anderer)

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