dialogisch beten

Ach, die “stille Zeit” dauert –

Klage, aber bitte nur kurz! Denk an die, die sich kein schönes Danach ausmalen können, weil sie immerzu in der Scheiße sitzen! Auch danach.

Jaaa. Aber…

Schon gut. Ich weiß: Kommt her zu mir alle Mühseligen und Beladenen. Ich will euch erquicken.

Nein. Du hast recht. Soweit ist es noch nicht bei mir. Ich kann mir nur nicht mehr ausweichen – denke ich.

Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Da du jünger warst, gürtetest du dich selbst und wandeltest, wohin du wolltest; wenn du aber alt wirst, wird ein anderer dich gürten und führen, wohin du nicht willst.

Hey. Ich bin erst 60. Aber ich verstehe schon: Üben, los zu lassen.

Alles. Deine Vorstellungen von dir. Deine Forderungen an deine Zukunft und deine Arbeit. Deine Ideen von sinnvoll und gut. Alles eben. Hör auf, zu kämpfen. Überlass dich dem Leben.

Und dann?

Abwarten. Es wird was kommen. Was anderes.

Und wenn mir das nicht gefällt?

Warte es doch ab!

Das fällt mir schwer. Und was sagen ich denen, die von Kurzarbeitergeld leben müssen, arbeitslos wurden oder pleite gingen?

Was hast du denn immer zu denen gesagt, die verhungern, fliehen, von Panzern gejagt und von Bomben getötet werden?

Meistens bin ich wütend, weil ich nichts dagegen tun kann, was das Blatt für sie wendet.

Vergiss sie nicht, wenn du dein Leben genießt. Gebt ihnen was ihr könnt. Vor allem: Schreit für sie. Klagt für sie. Sprecht für sie.

Ach. Ich würde gern retten, retten, retten.

Ich auch.

Amen.

Christine Nagel-BIenengräber